Ankommen… und Zusehen, wie ich das hier ins Netz bekomme.

Blogeintrag Nr. 1, 18.09.2017, 21:22

Liebe Freunde und Familie,

 

das soll also endlich der erste Blogeintrag werden.

Leider ist mein Empfang über das Handy so schlecht, dass es kaum möglich wäre, etwas hochzuladen. Noch dazu verbiete mir mein Anbieter, das Internet anders zu nutzen, als über das Handy.

Also werde ich jetzt schreiben und irgendwann, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt, hochladen. Gleiches gilt für Bilder.

Vor drei Tagen also bin ich in Bischkek gelandet, zusammen mit zwei anderen Freiwilligen. Einem aus einer anderen Einrichtung und einer aus der Meinigen.

Die erste Diagnose war verschwommen. Die Müdigkeit war wie ein Filter für gestochen scharfe Wahrnehmungen, doch das Bild kam an. Das es nicht gestochen scharf war, kann auch an dem Staub gelegen haben, der den Boden bei allem verlässt, was sich darüber hinweg bewegt. Es ist überall sehr trocken. Wasser ist Mangelware, obwohl nicht durch den Mangel an Wasser an sich, sondern durch strukturell bedingte Ungerechtigkeiten. Aanders als zu Sowjet-Zeiten, in denen die Umverteilung noch fair stattgefunden habe, wie ich mir hab‘ sagen lassen.

Unangeschnallt geht es über unmarkierte, randlose Teerstraße. An Autos kommt uns alles entgegen, manchmal zwei-, manchmal drei-, manchmal einspurig (so wie vorgesehen). Meine vorerst zukünftige Bleibe liegt in einem Ort, den es wohl deshalb gibt, weil es diese große Straße hindurch gibt.

Als wir aussteigen wird es schon langsam heiß.

Die Sonne beweist, dass sie Bestand hat gegen kühle Nächte, dass kein Meer da ist, um die Hitze zu mildern, nur dann und wann der Wind. Doch es ist erträglich.

Gerade ausgeladen, sind alle Verantwortlichen plötzlich weg. Nur eine weitere Mitfreiwillige, welche zwei Wochen früher ankam, die so nett war, uns abzuholen, und ein paar Bewohner, die die Situation schon gleich anerkennen und hinnehmen, sind vor Ort geblieben. Immer noch ist alles etwas dumpf. Es gibt Tee, danach Frühmittagsschlaf. Zu lange – bis um 19:00 Uhr. Dann Abendbrot. Alles irgendwie verdreht. Doch nachts verhilft der Wahrnehmungs-Verarbeitungs-Drang zum Schlaf.

Emotionen finden irgendwie schwer Platz. Zu viele neue Eindrücke. Zu viele noch ungeschmiedete Pläne, zu wenig Weitsicht in die Zukunft.

Doch dieser Zustand lähmt nicht. Am nächsten Tag besorgen wir Sim-Karten aus Gründen der Kommunikation untereinander und endlich der Möglichkeit „nach Hause (zu) telefonieren“. Des Weiteren wird das Grundstück inspiziert (hierzu werde ich noch eine Zeichnung zum Nachvollziehen anfertigen). Nach dem Walnüsse Ernten steht folgendes Projekt fest: wir brauchen ein Klettergerüst für Weinranken. Also bauen wir dieses aus altem Schutt, der in der Garage zu finden war. Noch immer ist niemand zu sehen, der für all das Verantwortung trägt. Am nächsten Tag geht auch noch die Haustür kaputt. Nach ein paar Ein- und Ausstiegen durchs Fenster gibt es also ein neues Schloss das sich aus einem Laden im Ort erfragen ließ.

Die Namen der Bewohner sind schon fast alle gelernt. Sie leben hier einen Übergang in die Selbstständigkeit aus, nachdem sie ihre Kindheit in Heimen und eine Teilzeit in dem Haupttrakt dieser Einrichtung zugebracht haben.

Dorthin soll es auch am nächsten Tag gehen – zur wöchentlichen Versammlung. Auf dem Weg dorthin geht das Benzin alle und ohne gefrühstückt zu haben, sitzen wir in der Steppe (es war nicht aussichtslos – alles noch in Reichweite).

Der Hauptwohntrakt also liegt im letzten Ort der Region. Dort Leben die Bewohner mit Behinderungen zusammen mit Leitern, Helfern, Köchen, Sozialarbeitern und auch jährlich mit Freiwilligen. Sie sind (noch) zu sehr durch ihre Behinderungen eingeschränkt, um selbständig am alltäglichen Leben teilzuhaben.

Als wir von anderen aufgesammelt wurden, die die Versammlung ebenfalls besuchen wollen, gibt es endlich ein bisschen Klarheit serviert.
Offen und ehrlich, sage ich, denn die Leiterin und ihr Sohn gestehen, dass es wohl strukturelle Schwierigkeiten gibt. Ständiger Wechsel von Mitarbeitern – zu viel zu tun für zu wenige Hände; bedingt durch die örtlichen Umstände. Das Bewässerungs- und Trinkwasser wird knapper und es fehlen Gelder an allen Stellen. Doch es wird nicht gejammert. Sie wollen in die Selbstständigkeit übergehen, Arbeitsbereiche ausdehnen und Vielfalt zur Beschäftigung schaffen. Mit der Produktion und dem Vertrieb von Milchprodukten (noch ca. 6-10 l am Tag) soll ein Grundstein dafür gelegt werden.

Was ich hier gesagt bekomme ist, dass es viele Freiheiten gibt, Löcher zu stopfen, doch aus, das damit einhergehend eine nicht unbedeutende Verantwortung übertragen wird.

Was daraus also wird, werde ich mit der Zeit erleben dürfen. Nicht passiv, sondern unter eigenem Einsatz – da ich die Möglichkeit habe, hier wirklich etwas in die eigene Hand zu nehmen.

Ich werde Euch auf dem Laufenden halten.
Mittlerweile gibt es auch eine Internetverbindung, die ich für weitere Berichte nutzen werde.

Liebe Grüße noch und bis zum nächsten Mal!

 

– Jason

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