Frohe Weihnachten!

Mit den Weihnachtstagen gesellt sich nun die dritte Stelle der Zahl, die meine erlebten Tage in Kirgistan für dieses Abenteuer zählt, zu den anderen beiden, die sich nun einmal gemeinsam nullen durften. Ein viertel Jahr, sogar ein bisschen mehr, bewohne ich nun schon die Außenwohngruppe und werde sicherlich schon einiges erlebt haben. Der Alltag, der täglich mit neuen Raffinessen kommt, lässt das unmittelbar Vergangene schnell wieder verschwimmen und Versuche, an Fingern zu zählen, was mir die Zeit nun schon gegeben hat, nicht so recht zu.

Dennoch passieren Dinge.

Mein Verständnis über Heimat ist nun schon seit einiger Zeit angeregt, sich Gedanken zu machen. Wie der Wald, den man vor lauter Bäumen manchmal nicht sieht, der jedoch begreiflich und auf einmal in seiner Beschaffenheit sichtbar wird, wenn man nur ein paar Schritte hinaus geht, tritt mir vor Augen, was mich die Zeit, all die letzten Jahre so begleitet hat. Gegebenheiten und Details von, bis dahin angenommener, Selbstverständlichkeit, entgleiten der Wahrnehmung aus ihrer gewohnten Position und schaffen es, durch ihre scheinbare Abwesenheit das Gehirn darauf aufmerksam zu machen, dass etwas an ihrer Stelle fehlt. Manche Silhouetten erkennt das Gehirn sofort: das sind deine Freunde, die dich nicht mehr in gewohnter Art und Weise begleiten, die du morgens auf dem Weg zur Schule, wenn nicht dort, dann zum Stundenbeginn, wenn nicht dann, dann ausgeschlafen zum zweiten Block, in der Stadt, auf dem Motorrad, an versteckten Orten, bei verrückten Unternehmungen, bei hitzigen Diskussionen, nachts ohne Sinn für das Vergehen der Zeit oder gleicher maßen am Tage, auf der Bank im Garten, auf den Dächern der Stadt, bei ihnen oder bei dir zuhause trafst. Das ist deine Familie, die du jeden Tag im Trubel um die Schule und die Arbeit, beim Lenzen an verregneten Sonntagen, beim Kampf um das letzte Stück Boxhornkäse und manchen synaptischen Kurzschlüssen im Lach-Kortex am gleichen Tatort erlebtest.

Was mir so nah ist, wird mir durch den Schritt aus der unmittelbaren Umlaufbahn der Geschehnisse nun so klar erkennbar und in seinem Wert für mich auf eine neue Art wahrnehmbar.

Andere Schatten erkennt das Gehirn erst, wenn es einen kleinen Hint bekommt, einen Anreiz, einen Tipp: Der Fluss, den du da gerade überquert hast, hat der nicht ziemlich viel Wasser? Ach ja, zuhause gibt es ja eine Menge Seen und das Meer. Und so stehe ich auf der klapprigen Fußgängerbrücke und habe ein Gefühl, als ob ich mir am Ostsee-Strand den Wind ins Gesicht pusten lasse.
Das Fahrrad, das sich dein Mitfreiwilliger da verrückterweise gekauft hat, das hat ja einen Sattel… Fahrradfahren! – zuhause, der Inflation wegen, kaum der Rede wert, hier beinahe undenkbar auszuführen.
Oder der kleine Räuchermann, den du in deinem Weihnachtspaket gefunden hast – ein Fliegenpilz mit etwas verstörter Mine und leicht benebeltem Blick, der mit seinen roten Bäckchen und schwarzen Lungen Rauch, Typ Tannenduft, in die neue Atmosphäre pustet und das Bewusstsein über eines der fähigsten Flashback-Organe – die Nase – in Erinnerungen an viele Weihnachten vergangener Tage eintaucht.

Was für eine Zeit, was für eine Bedeutung. All das wird mir in einer Intensität bewusst, die mich rührt über das, was ich täglich erleben durfte, all die Menschen, die ich kennenlernen durfte, mit denen ich Erlebnisse teilen durfte, die sich der Reichweite meiner Möglichkeiten, all diese Bindungen rational zu erklären, in unergründliche Kernelemente der Freundschaft und des Vertrauens entziehen und mich davor in Dankbarkeit stehen lassen.

Ich bin froh, euch zu kennen und werde darüber nicht vergessen.

Nun ist das hier kein Abschiedsbrief – die letzten Zeilen mögen vielleicht so einen Anstrich haben – doch ich möchte damit beschreiben, welchen Wert Freundschaft und Vertauen tragen, der mir durch den Entzug der Gewohnheit so zu Bewusstsein kommt.

Da die Zeit jedoch die Menge an Erlebnisse mit immer neuen Ereignissen und Begegnungen aufstockt, möchte ich davor keinesfalls zurückschrecken oder stehen bleiben und bin abenteuerdurstig ob neuer Erfahrungen und neuer Eindrücke, die mir das Leben verständlicher machen.

Ist der Winter einst vorbei, möchte ich das Land entdecken gehen. Urlaub habe ich dafür schon kräftig gespart.

Und gesellen sich, bei Draufsicht, zur Rechten der Drei Zehner- und Einerstellen mit recht ausgewogenen Werten in der leicht abgehobenen radikalen Mitte des Nullbisneuner-Extremismus, so möchte ich den Tag nicht missen, nach einem Jahr Kirgistan wieder zu Hause einzutrudeln.

Doch bis dahin ist noch eine Weile Zeit und sicherlich noch der ein oder andere Bericht zu erwarten.

Ich wünsche euch allen eine schöne Rest-Weihnachtszeit und erholsame Tage, sowie Hals- und Beinbruch zum alljährlichen Klein-Bürgerkrieg zum Jahreswechsel.

Habt eine schöne Zeit,

bis bald!

-Jason

 

Eine Antwort auf „Frohe Weihnachten!“

  1. Lieber Jason,
    Deinen Worten entnehme ich, dass Du all das Dich Umgebende mit Neugier und Interesse aufsaugst und Dich gut dabei fühlst. So soll es sein und auch für das neue, gerade begonnene Jahr weitergehen. Genieß dir Zeit und die Gelegenheit, Nützliches mit Schrägem zu verbinden. Bin mir ziemlich sicher, dass Du an dieses Jahr über all die Jahrzehnte, die danach kommen, gern und zufrieden zurückdenken wirst.
    Wir begleiten Dich immermal wieder in Gedanken – bleib schön gesund und gut gelaunt.
    Liebe Grüße aus Erfurt von
    den Surberlis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.