Mein temporäres Zuhause/mein Arbeitsplatz

Liebe Leut’,

Wie bereits angekündigt, möchte ich ein wenig über den Ort schreiben, an dem ich hier zum Einsatz komme und welcher gleichzeitig meinen Wohnort darstellt. Ich bin selber ein bisschen gespannt, was ich hier zu (digitalem) Papier bringen möchte, da der Kontakt mit der Umgebung ständig andauernd und unmittelbar ist, sodass eine Distanzierung vom Geschehen oft nicht so einfach stattfindet.

Die Woche über verlasse ich das Grundstück eher selten. Mal zu einem Spaziergang, sonst zu Einkäufen oder Besorgungen.

Der Apfel fällt nach “Feierabend” nicht weit ins Bett, da es trotz der Vereinbarung über acht Stunden Arbeit am Tag danach eine Bereitschaft gefragt ist, die den Abruf zu jedem wichtigeren Anlass möglich machen soll. Eine gewisse Kontrollfunktion, dass es hier nach dem Rechten läuft. Diese Aufgabe ist eher passiv, dennoch Aufmerksamkeits-fordernd, zumal die Bewohner ab und zu nicht so viel von irgendwelchen mir zugeteilten Arbeitszeiten halten und auch mal aus Juchs auf Ruhe suchenden Nerven tanzen. Das bekomme ich mal mehr, mal weniger zu spüren. Die Woche geht von Montag bis Freitag. Samstage und Sonntage sind zwar keine freien Tage für das Geschehen in dieser Wohngemeinschaft, aber für mich. Zwar wäre es den Arbeitgebern lieber, wenn der Posten 24/7 besetzt würde, aber da haben meine Mitfreiwilligen und ich uns geeinigt, synchron den Kopf zu schütteln – Rauskommen muss drin‘ sein.


Von draußen betrachtet sieht es dann so aus:

Bei der Haupt-Einrichtung handelt es sich um einen Bau, der nach der Abnabelung seiner Baumeister aus einer Solidaritätsinitiative für behinderte Menschen im Raume Bischkek (der Hauptstadt Kirgisistans) namens „Nadeschda“ etwas entfernt davon errichtet wurde.

In Murake, einem Nest hinter dem westlichen Ende Bishkeks entstehen also die Grundmauern des „Sozialdorf(es) ‚Manas‘“.

Aus diesen Grundmauern entsteht das, auch noch so genannte, erste Haus welches bald um ein weiteres Haus ergänzt wird und Platz für ca. 20 Bewohner bietet, die hier Betreuung und Beschäftigung finden sollen, da die Gesellschaft kaum Freiräume für besondere Umstände zu bieten hat. Es wird in einer Filzwerkstatt genäht, in einem Kuhstall werden Kühe gehalten und gemolken und ein Garten soll die Kluft, die es für den Sprung in die Selbstständigkeit zu überwinden gilt um ein weiteres Stück schmälern.


Immer noch im Entwicklungsstadium wurde dieses Jahr ein weiterer Schritt gewagt. In einem nicht allzu fernen Ort namens „Belovodsk“ wurde ein Haus mit einem kleinen Hof gekauft und ausgebaut. Dem komplizierten Namensgebungs-Verfahren nach wird es das „dritte Haus“ genannt. Es soll eine Schnittstelle zwischen einer Einrichtung für behinderte Menschen und der Gesellschaft darstellen. Die Idee ist es, hier Menschen mit den Rechten und Pflichten eines eigenständigen Lebens zu konfrontieren und ihnen dadurch einen Einstieg in dieses zu ermöglichen.

Das Haus (die zwei Häuser) stellt einen Wohnbereich für seine Bewohner dar, verfügt über Küche, Waschraum, Bad, Stauräume einen Freiwilligentrakt und einen Kiosk bzw. eine Räumlichkeit für diesen.

 

 

Eine maßstabsungetreue Zeichnung des Grundstückes des “Dritten Hauses”

 

Das Haus der Bewohner

 

Blick vom Bewohner-Haus auf das “Freiwilligen-Haus”

 

Den Hof nimmt zu Großteilen ein Selbstversorger-Garten ein – dieser wurde von einem ehemaligen Freiwilligen angelegt.

 

 

Der (hier noch grüne) Garten für Erdbeeren, Gurken, Auberginen, Tomaten und andere Gemüslichkeiten

 

Gemüse aus dem Garten

 

Eine herbstliche Erdbeer-Ernte

 


Bei optimalem Verlauf der Geschehnisse im Alltag soll es so aussehen, dass die Bewohner, wenn sie können, im Ort arbeiten gehen (derzeit gibt es einen Arbeitsvertrag mit einem Café für einige Bewohner), die Lehre besuchen oder aber Aufgaben im Haus erledigen. Es handelt sich hierbei um Hauswirtschaft (kochen, waschen, putzen, aufräumen, etc.), Einkäufe, Heizung und folgende Beschäftigungen: Bewirtschaftung des Gartens, also die Ernte der Früchte, Kräuter und Gemüse, sowie dessen Instandhaltung, Nähen an Filzarbeiten und die Verarbeitung frischer Milch aus der Einrichtung um Haus eins und zwei. Diese wird hier mit einer Zentrifuge zu Schmand (сметна) und anschließend zu Quark (творог) und Kefir (айран) verarbeitet und in der Nachbarschaft und in der Hauptstadt verkauft.

Ein Werbeschild für milchinteressierte Nachbarn findet vor dem Tor Platz

In dem Quark sehe ich übrigens bei uns eine große Marktlücke. Noch nirgendwo in Deutschland habe ich Krümel-Quark gesehen. Er wird gewonnen, indem frische Rohmilch absichtlich stehen gelassen wird, bis sie sauer wird. Dann wird der Sud gekocht und schon hier entsteht eine zähe Masse aus wohl gestockten Eiweiß-Verbindungen. Abgeschöpft wird diese dann zum Trocknen neben die Frischwäsche auf die Wäscheleine gehängt und kann dort ungestört abtropfen (die Wäsche ist bei dem Prozess nicht so wichtig). Das Resultat ist ein krümeliger Quark – richtig trocken. Etwas mit frischem Schmand angereichert und mit Zucker bestreuselt kann man sich diesen zum Beispiel zum Tee schmecken lassen!


Was also ist meine Aufgabe in diesem Geschehen? Bewusst habe ich oben „bei optimalem Verlauf“ geschrieben. All diese Abläufe sind in ihrem Funktionieren noch leisere Zukunftsmusik. Die Koordination und Unterstützung dieser/in diesen Tätigkeiten obliegt uns Freiwilligen. Jeden Tag gibt es da neue Hürden zu überwinden. Ob es ein Bewohner ist, der gefeuert wurde, aber darüber so lange es geht Stillschweigen bewahrt und sein Zuhause-Bleiben mit Lügen rechtfertigt, ob der Garten nicht unbedingt ein Platz des Aufenthalts, sondern eher eine kleine Abstell- und Müllhalde ist, eine Garage voller Holzstämme ausgeräumt und ihr Inhalt mit einer nicht funktionierenden Motorsäge zerkleinert werden soll oder es heißt, die Bewohner über Umwelt aufzuklären im gleichzeitigen Versuch, sie von ihrem Handy zu holen und sie dann zur Arbeit zu überreden. Und überall muss wieder und wieder insistiert werden. Es ist ein bisschen, wie mit dem Schweriner Schloss, das aufgrund des morastigen Untergrundes, auf dem es gebaut wurde wieder und wieder an allen Ecken angehoben werden muss, damit es nicht einsinkt.


Die Geschichte der Kindheit vieler Bewohner ist in ihrer Konsistenz auch eher mit einem morastigen Boden, als mit einem festen Fundament zu vergleichen. Viele verlorene Familien und lange Aufenthalte in Kinderheimen prägten eine, dem mir bekannten Alltag ferne, Auffassung der Realitäten. Somit wäre der Begriff “Faulheit” eine naive Fehleinschätzung der Perspektiven. Doch die Motivation ist da, diese Brücke zu schlagen und das „neue Leben“ zu lernen. Ein unglaublicher Fleiß zeigt sich, wenn Anspruch und Interesse geweckt sind, bei dem einen von allein, bei dem anderen in immer wieder wechselnden Abschnitten. Alle wollen einmal selbstständig in einer eigenen Unterkunft leben, heiraten, einen Beruf ausüben und eine Familie gründen.

In freier Zeit treiben wir z.B. gemeinsam Sport, spielen Karten, unterhalten uns über Musik und das Leben, gehen spazieren, lachen und trinken viel Tee.

 

Seit Längerem (auf einmal wurde sie hier von einem Bewohner abgesetzt) macht dieser Pinscher hier die Schuhregale unsicher. Ihr Freund “Romeo”, der Kater des Anwesens ist leider nicht zu sehen

 

Wenn die Woche dann am Freitag ein Ende findet, standen bis jetzt meistens Ausflüge zu den anderen Freiwilligen aus Bishkek an. Immer mal wieder wird ein Teil der Hauptstadt neu ausgekundschaftet, Erfahrungsberichte werden ausgetauscht und Diskussionen finden auch ihren Platz. In den Abendstunden wurde auch schon hier mal, da mal recht ausgiebig begutachtet, was die kirgisischen Läden denn zur prozentreichen Anheiterung reichen.


Für weitere Wochenenden habe ich mir vorgenommen, mal ein wenig über den deutschsprachigen Dunstkreis hinaus Bekanntschaft mit ein paar „Locals“ zu knüpfen, inwiefern das auch zustande kommen mag, denn ich kenne kaum Menschen meines Alters hier.

Die lokalen Kontakte beschränken sich derzeit auf zwei Werkzeughändler meines Vertrauens auf dem hiesigen Basar, so wie einiger weniger anderer werktätigen, interessierten oder Hilfbereiten Menschen.


Sonst warte ich derzeit auf den Winter. Es wird bestimmt ordentlich kalt. Die letzten sonnengewärmten Tage sind zwar eine Wohltat für die Haut im Vergleich zu den schon ordentlich knackigen Nächten ein Genuss, aber einen „russischen Winter“ habe ich mir immer schon ein bisschen gewünscht. Mal schauen, wann es dann richtig losgeht.


Für den weiteren Verlauf der Berichterstattung habe ich mir überlegt, neben umfangsstarken und bedeutungsschweren „Brocken“ wie diesem hier, kleine interessante, anwendungsnähere Kurztexte zu schreiben, die zum Beispiel Fakten des Landes, kleine Bräuche, Rezepte oder ähnliches vorstellen sollen.


Es soll also noch mehr Vielfalt geben.


Wenn ich die Zeit richtig nachvollziehe, müssten zu Hause schon erste Kürbisse geschnitzt werden…

 

Knackt ein paar Walnüsse, zieht die Jacken-Kragen über das Kinn, wenn draußen der kalte Wind weht und genießt das bunte Blätter-Treiben!

Grüße an die Heimat!

-Jason

Für den Blick auf die Berge muss man schon etwas weiter oben Mittagspause machen

2 Antworten auf „Mein temporäres Zuhause/mein Arbeitsplatz“

  1. Immerwieder schön und spannend von dir zu lesen! Wirklich toll was du dort fabrizierst mein lieber..halt die Ohren steif und bleibe so motiviert wie du bisher klingst. Dein voriger Text hat mir den Abend stark belustigt, als du von diesem Gepferd berichtet hast!
    Sei lieb gegrüßt!
    Fynn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.